Gottfried Gerstbach Vorschau September 2021

Gottfried Gerstbach Vorschau September 2021

Beitragvon Laadoc » Di 7. Sep 2021, 15:47

Liebe Mitglieder des Österreichischen Astronomischen Vereins, liebe Sternfreundinnen und -freunde!

Zum Neumond am Dienstag 7. September ist wieder die Earth Night: Bitte ab 22h alle nach außen strahlende Lichter ausschalten – für eine dunkle Nacht pro Jahr! Info: www.earth-night.info

Zu Beginn des Newsletters wieder das im Juni begonnene Astro-ABC:

Deklination: der Winkelabstand δ eines Gestirns vom Himmelsäquator; zusammen mit der Rektaszension (RA, α) legt sie die Sternörter im äquatorialen Koordinatensystem fest. Sie entspricht der geografischen Breite auf der Erdkugel.
(bei Magnetfeldern steht der Begriff für die Abweichung der Feldrichtung von geografisch Nord, in der Grammatik für die Beugung von Zeitwörtern.)

Doppelstern: zwei meist gleichzeitig entstandene Sterne, die sich auf Ellipsenbahnen um den gemeinsamen Schwerpunkt bewegen. Umlaufzeiten je nach Abstand zwischen Tagen und Jahrhunderten.
Visuelle Doppelsterne sind im Teleskop trennbar und haben meist Umlaufzeiten von Jahrzehnten bis Jahrhunderten. Sie werden durch ihren Abstand (0,1" bis ca.100") und den Positionswinkel eingemessen. Bei bekannter Entfernung lassen sich die genauen Massen der beiden Sterne berechnen – wichtig für Modelle der Stellarphysik.
Spektroskopische DS kreisen enger umeinander (meist einige Tage) und verraten sich im Spektrum durch periodische Verschiebung von Spektrallinien (Dopplereffekt), woraus sich die Radialgeschwindigkeiten ergeben. Die Lage der Bahnebene bleibt hingegen unbekannt.
Astrometrisch heißt ein Doppelstern, wenn periodische Ortsveränderungen durch einen (unsichtbaren) Begleiter feststellbar sind. Fotometrischer DS ist gleichbedeutend mit der früheren Bezeichnung Bedeckungsveränderlicher.

Dreikörperproblem: die Bahnberechnung dreier Himmelskörper unter dem Einfluss ihrer gegenseitigen Anziehung. Sie ist im Gegensatz zum Zweikörperproblem (Kepler-Ellipsen) nicht streng lösbar, sondern nur schrittweise (iterativ). Je kleiner die Rechenschritte, desto genauer, aber bei stark steigender Computerzeit.
Strenge Lösungen gibt es nur für die 5 Lagrangepunkte, wo der kleinste Körper dieselbe Umlaufzeit um den Systemschwerpunkt wie die zwei Hauptkörper hat (z.B. die Trojaner auf der Jupiterbahn).


Veranstaltungen des Astrovereins im September 2021

Seit Juni können wieder Veranstaltungen im Sterngarten stattfinden. Bitte auf der Homepage anmelden und zur Sicherheit Maske mitnehmen. Die Video-Vorträge (per Zoom) beginnen am 10. September.

• Sa 4.9., 19h bis ca. 22h Sterngarten: Picknick unter Sternen. Nach Einbruch der Dunkelheit: Sternbilder und ihre Sagen, Jupiter, Saturn usw.; mit Werner Gruber, Alex Pikhard, Stefan Uttenthaler, Maria Pflug-Hofmayr et al., Gitarrenmusik vom Café-Duo. Decke und Picknick-Korb mitnehmen!
o 3G-Regel, bitte hier anmelden und an Teleskopen Maske anlegen!
• Fr 10.9. 20h Vortrag: Simon Marius und die kopernikanische Wende mit Pierre Leich (Simon-Marius-Gesellschaft)
• Fr 17.9., 19h Beobachtungsabend in Tullnerbach für Mitglieder mit und ohne Fernrohr. Mit Gottfried Gerstbach und Tobias Eidelpes
• Sa 18.9., 12:15 Sterngarten: Zur Tag- Und Nachtgleiche. Sonnenbahn, Zeitmessung, Jahreszeiten usw. mit Caroline Posch-Primes
• 23.–25.9. Bad Ischl: Sonnenuhrtagung der Arbeitsgruppe GSA. Programm: www.gnomonica.at
• Fr 24.9. ,19:30 Sterngarten: Meditation unter Sternen mit Erika Erber
• Sa 25.9., 19:30 Sterngarten, Kinderführung: Neues im Himmelszoo. Was leuchtet da so golden? Wie kommen Bär, Drache und das fliegende Pferd an den Himmel? Eine Führung für Kinder von 6 bis 12, mit Gottfried Gerstbach et al.


Sonnenbahn und Dämmerung

Im September nimmt der helle Tag von 13,5 auf 11,9 Stunden ab. Der Sonnenuntergang in Wien ändert sich genau um 1 Stunde von 19:39 auf 18:37 MESZ. Wegen des astronomischen Herbstbeginns am 23.9. ist dies die rascheste Änderung des Jahres (im März sind es nur 45 Minuten).
Die Auf- und Untergänge sind im Westen Österreichs je nach geografischer Länge später, in Innsbruck z.B. um 20 Minuten.

Anfangs ist es bereits gegen 21 Uhr völlig dunkel -- und zu Monatsende währt die tiefe Nacht schon 7 Stunden. Die bürgerliche Dämmerung (Sonnentiefe 6°, Lesen im Freien möglich) dauert nur mehr 32 Minuten, die nautische (-12°, am Meer sind Horizont und helle Sterne sichtbar) weitere etwa 37 Minuten. Der Unterschied zur astronomischen Dämmerung (siehe oben) ist aber in oder nahe einer Stadt kaum merklich.

Der Abendhimmel im September

Wenn es zur Monatsmitte gegen 20 Uhr MESZ dunkel genug ist, sieht man im Westen, 35° hoch, den hellgelben Arktur im Bärenhüter (α Bootes), während Löwe und Jungfrau schon entschwinden. Rechts von Arktur steht der Große Wagen, zu dem der Bogen der drei Deichselsterne hinweist. Der mit 37 Lichtjahren nächstgelegene Rote Riese ist neben Wega (α Lyrae, fast im Zenit) der hellste Stern am Nordhimmel. Zwischen Arktur und Wega finden wir den schönen Halbkreis der Krone (am Stadtrand immerhin 3-4 Sterne) und den unscheinbaren Herkules.

Für einen Überblick können Sie hier den Sommer- bzw. Herbsthimmel anklicken. Genauer sind unsere Homepage-Sternkarten – z.B. für Sternzeit 19h. Im Süden stehen zusätzlich die Riesenplaneten Jupiter und Saturn im Wassermann bzw.Steinbock.

Genau im Zenit faucht der Drache seinen Feuerhauch Richtung Herkules. Darunter der Schlangenträger (Sinnbild für Äskulap), dessen hellster Stern Rasalhague mit Wega und Atair ein zweites gleichseitiges Dreieck bildet -- nur viel kleiner als das anfangs erwähnte mit Jupiter. Tief im Südsüdwesten erkennen wir noch Antares, den roten Hauptstern im Skorpion, und links von ihm Jupiter in etwa 15° Höhe. Genau im Süden steht der Schütze mit seinen vielen Sternhaufen und Gasnebeln, von denen viele schon im Feldstecher zu sehen sind -- am hellsten die Messier-Objekte M 23-25, M8, 17 und 20. Am linken Rand des Sternbildes, wo sich in 25.000 Lichtjahren Entfernung das Zentrum unserer Galaxis verbirgt, steht der fahlgelbe Saturn.

Das große Sommerdreieck mit Wega (Leier) sowie Deneb (Schwan bzw. nördliches Kreuz) und Atair (α im Adler) wird in 1 Stunde den Meridian erreichen. Wir können es abends bis Jahresende sehen. Im Schwan teilen einige Dunkelwolken die Milchstraße, die sich über den Adler und die Schildwolke zum Schützen hinabzieht.
Ein Genuss erster Klasse ist es, auf einer Liege, mit einem Feldstecher in der Hand, den tausenden Sternen der Milchstraße im Schwan zu folgen und sich die Tiefen des Universums vorzustellen ... Ihr Band ist aber schon im Nordosten mit Perseus und dem "Himmels-W" der Kassiopeia zu finden, zwischen denen der Doppelsternhaufen h und χ Persei steht. Die rötlichen Gasnebel rund ums Bild dieser "nur" 6 Millionen alten Sterne sieht aber nur ein Infrarot-Auge,

Der Polarstern steht dieses Jahrhundert nur mehr 40' vom Himmelsnordpol entfernt. Seinen kleinen 24-Stunden-Kreis hat Hermann Mucke († 12.3.19) im Sterngarten durch die Lochscheibe des Nordmastes veranschaulicht. Links von Polaris reckt sich der kleine Bär empor. In Stadtnähe sieht man aber nur 3-7 Sterne, den Kleinen Wagen. Sie dienen als einfachster Indikator der Lichtverschmutzung: der dritthellste Stern Gamma hat 3.0 mag, der Sternenbogen zwischen α und ß etwa 4.3 mag. Im Laufe der Nacht dreht er sich links unter den Polarstern; mit dem sogenannten Nokturnal hat man im Mittelalter aus dieser Drehung die Uhrzeit fürs morgendliche Stundengebet bestimmt.

Gegen 23 Uhr hat auch der Schwan schon den Meridian überschritten, zwischen ihm und Polaris steht das unscheinbare Fünfeck des Kepheus. Im Süden finden wir nun die Tierkreis-Sternbilder Steinbock und Wassermann, halbhoch im Osten die Fünfsternreihe aus Pegasus, Andromeda und α Persei. Unter ihnen steigt langsam der Widder empor, und um 24 Uhr im Osten das Sternwölkchen der Plejaden und der Stier.

Sichtbarkeit der großen Planeten
• Merkur ist bis Monatsmitte weiterhin am Abendhimmel und geht ca. 40 Minuten nach der Sonne unter. Obwohl er bis zu 27° Sonnenabstand erreicht, steht er wegen der flach liegenden Ekliptik recht tief und ist nur bei sehr gutem Himmel freiäugig zu sehen. Am 8.9. ist dafür die Mondsichel hilfreich, die 6° nördlich vorbeizieht.
• Auch Venus steht deshalb in der Abenddämmerung nur wenig über dem Horizont – wie auch die nächsten Monate. Interessanterweise geht sie den ganzen September etwa 80 Minuten nach der Sonne unter. Die Elongation wächst von 40° auf 45°. Am 9./ 10.9. zieht die Mondsichel 5° nördlich vorbei.
• Mars ist in der Abenddämmerung verschwunden und bleibt bis Dezember unsichtbar.
• Jupiter stand am 20.8. in Opposition zur Sonne und zieht seine alljährliche Schleife vom Wassermann zurück in den Steinbock. Der Riesenplanet (11x Erdradius) dominiert ab der Monatsmitte den südöstlichen Abendhimmel und geht erst gegen 4 Uhr MESZ unter. Am 18. morgens wandert der fast volle Mond 4° unter ihm vorbei.
o Im Teleskop sieht man auf der jetzt 47" großen Planetenscheibe die 4 äquatorparallelen Wolkenstreifen. Ab etwa 150-facher Vergrößerung sind die Turbulenzen der Wolkenränder erkennbar, wenn man sie alle 2 Tage (ca. 5 Rotationen des Planeten) skizziert oder fotografiert.
o Nun ist gute Zeit, den Tanz der 4 hellen Jupitermonde zu verfolgen (Daten im AAÖ S.53-57). Bereits im kleinen Teleskop sind Mondschatten, Durchgänge oder Verfinsterungen zu beobachten. So der Schatten von Io am 5.9. ab 2h, am 6.9. 20:38–23h, am 13. ab 22:34, am 21. ab 0:30 und am 29. von 20:54–23:11 MESZ.
o Seltener sieht man die Schatten der anderen Monde: Europa am 6., 23. und 30.9., Ganymed am 27. bis 20:25, und Callisto am 18.9. ab 0:41.
o Die Verfinsterungen durch Jupiters Schatten sind nun aber schwieriger zu beobachten, weil nach der Opposition nur die Austritte sichtbar sind.Sie dauern jeweils einige Minuten: Io am 6.9. um 1:40, 14. um 22:03, 21. um 23:58, 29. um 1:53 und 30. um 20:22; Europa 7.9. um 22:43, 15. um 1:21, 23. um 22:19; Ganymed 9.9. um 22:23, 17.9. um 2:23, sowie Callisto am 9.9. um 21:16
• Saturn im Steinbock geht Jupiter 1 Stunde voraus (Aufgänge in Wien 23h bis 21h) – denn er hatte schon am 2.8. seine Opposition. Zur Monatsmitte geht er um etwa 2:30 unter. Am 17. gegen 5h zieht der Mond 4° südlich am Ringplaneten vorbei.
o Seine maximale Helligkeit erreicht er nicht, weil der Öffnungswinkel der Ringe derzeit nur 18° beträgt. Am Rand kann man ab 120-facher Vergrößerung die oben erklärte Cassini'sche Teilung erkennen (0,7"), bei 200x und ruhiger Luft sogar fast ringsum.
o Saturns größter Mond Titan steht am 7. und 23.9. in östlicher Elongation, am 16.9. und 1.10. am weitesten westlich. Schon im keinen Fernrohr ist er als Sternchen 8. Größe zu sehen. Er ist der einzige Mond mit einer Atmosphäre – siehe die Landung der europäischen Huygens-Sonde am 14.1.2005.
• Uranus im Widder und Neptun im Wassermann sind mit Fernrohr ab etwa 22 bzw. 21 Uhr zu beobachten. Die Scheibchen der zwei Eisriesen messen 3,5" bzw. 2,5" und sind schon in kleinen Fernrohren von Sternen zu unterscheiden.
Mondphasen: Neumond Di 7.9. (Lunation 1221), Erstes Viertel Mo 13.9., Vollmond Di 21.9., Letztes Viertel Mi 29.9.

Konjunktionen:
• 08.9., 23h: Mondsichel 6° nördlich von Merkur
• 10.9., 05h: Mondsichel 4° nördlich von Venus
• 14.9., 05h: Merkur größte westliche Elongation (27°)
• 14.9., 11h: Neptun in Opposition
• 17.9., 06h: Mond 4° südlich von Saturn
• 18.9., 10h: Mond 4° südlich von Jupiter
• 20.9., 11h: Mond 4° südlich von Neptun
• 22.9., 21h21 Sonne im Herbstpunkt, Tag-Nacht-Gleiche (Sterngarten-Führung am Sa 18.9. um 12:15)
• 24.9. 18h: Mond 1,3° südlich von Uranus
Weitere Infos (Sternbedeckungen, Kleinplaneten, Kometen etc.) müssen aus Zeitgründen entfallen.

Mit besten Grüßen,
Dr. Gottfried Gerstbach
Vorsitzender des ÖAV
Laadoc
 
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